Wer darf wessen Geschichte erzählen? Ethischer Umgang in der Gestaltung Geschichtlicher Inhalte

Auszug aus meiner Bachelortheorie

Wie erzählt man die Geschichte eines Landes?

Letztes Jahr nahm ich an einem Projekt des Goethe Institut Israels teil, welches ich zu meiner Bachelorarbeit machte. Zwölf Studierende aus Tel Aviv und Berlin stellten unterschiedliche Verhandlungsarten anhand bestehender oder vergangener internationaler Konflikte vor. Die Plakate werden jetzt als Wanderausstellung in Schulen gezeigt. Mein Thema waren die Verhandlungen, die zum Ende der Apartheid in Südafrika führten.

Auf diese Themenwahl folgte schnell die Frage: Warum wird die Geschichte der afrikanischen Länder immer von Weißen erzählt? Ich reihe mich mit meiner Arbeit mit ein. Dieser Einwand löste bei mir eine ganze Reihe weiterer Gedanken aus. Wie erzähle ich als weiße Deutsche die Geschichte Südafrikas? Habe ich überhaupt das Recht dazu? Wer darf wessen Geschichte erzählen?

Es gibt keine meinungsneutrale Geschichtsschreibung. Inwiefern unterscheiden sich akademische und volkstümliche Geschichtserzählung bzw. damals die unterschiedlichen Wahrnehmungen der Südafrikaner und der Kolonialisten auf die vergangenen Ereignisse? 

In meiner Plakatgestaltung konstruiere, produziere, vermittle ich ein Bild der Geschichte Südafrikas. Welche Aspekte der Darstellung dieser verändern unsere Wahrnehmung darauf? Wie positioniere ich mich als Gestalterin von Inhalten bzw. wie positioniere ich die Inhalte? Ich muss die Informationen stark komprimieren – was stelle ich dar, was kann (darf) ich weglassen? 

Was wird von wem wie gezeigt, und warum?

Ich habe mit meiner Arbeit Verantwortung. Daher möchte ich einige Komponenten des Storytellings und der Darstellung von Geschichte und ihre Auswirkungen auf unsere Sichtweise auf das Subjekt untersuchen. Was muss ich als Gestalterin von geschichtlichen Inhalten und Bildern beachten, um einen ethischen Umgang zu finden? Ausklammern werde ich die Frage: Wie kann ich Geschichte am eindrücklichsten vermitteln?

Die Quellen der Geschichtsschreibung

Um zur ersten Frage zurückzukommen: Die akademische Geschichtsschreibung geht hauptsächlich auf den Standpunkt der Kolonialisten zurück. Hugh Trevor-Roper behauptet sogar, es gäbe noch keine (oder nur sehr wenig) Afrikanische Geschichtsschreibung, sondern nur die der Europäer in Afrika. (1) Dabei gehört das mündliche Weitergeben von Geschichte von Generation zu Generation, das Erinnern, zur Kultur und Tradition vieler Länder – und ist somit eine Quelle für eine weitere Sichtweise auf die Geschichte. (2)

(Aus diesem Grund wählte ich die Arbeit „Remembering the Present. Painting and Popular History in Zaire“ von Johannes Fabian und Tshibumba Kanda Matulu als Gegenstand meiner Bachelor-Theoriearbeit. Das Buch dokumentiert die Zusammenarbeit des kongolesischen Malers Matulu, welcher die volkstümlich erzählte Geschichte Zaires (heute Kongo) darstellte, mit dem Anthropologen Fabian. Bald mehr dazu)


Die Frage nach der Neutralität und Wahrheit der Geschichtsschreibung

Weiter oben stellte ich die These auf, Geschichtsschreibung wäre niemals neutral. Es gibt nicht die eine Wahrheit. Wer mit der Familie über seine Kindheit spricht, merkt schnell: Niemand erzählt genau die selbe Geschichte. Paul Veyne beschreibt dieses Phänomen folgendermaßen:

„Wie der Roman wählt Geschichte aus, vereinfacht und organisiert; sie läßt ein ganzes Jahrhundert auf einer Seite Platz finden. ... (Es lässt sich feststellen, S.N.) daß Waterloo nicht dasselbe war für einen alten Haudegen und für einen Marschall, daß diese Schlacht in der ersten oder der dritten Person erzählt werden kann, daß man davon als Schlacht sprechen kann, als Sieg Englands oder als Niederlage Frankreichs, daß man von Beginn an durchblicken lassen kann, wie es ausging, oder so tun, als entdeckte man es gerade erst. ... In keinem Fall wird das Ereignis, mit dem es die Historiker zu tun haben, unmittelbar und ganz erfaßt, sondern immer nur unvollständig und indirekt: über Dokumente und Zeugnisse, sagen wir über tekmeria, Spuren.“ (3)

Jeder Mensch erlebt (und beschreibt dementsprechend) Ereignisse anders - sprich subjektiv und voreingenommen. Außerdem sind die Informationen über die Vergangenheit lückenhaft, was folgende Problematik nach sich zieht:

„evidence never speaks for itself, objectively: it always speaks from a subject position, to subjectivities, in an argumentative context established by subjectivities.“ (4)

Diese Spuren oder vermeintlichen „Beweise“ gewinnen ihre Bedeutung erst durch Integration in einen Kontext, werden also Teil einer Interpretation, welche aus Verständnisgründen benötigt wird. White schreibt:

„Die Narration ist folglich sowohl die Art und Weise, wie eine historische Interpretation zustande kommt, als auch die Form des Diskurses, in der sich ein gelungenes Verstehen historischer Sachverhalte präsentiert.“ (5)

Heikel wird dies laut White wenn man nach dem Auftraggeber der Geschichtserzählung fragt, oder „nach den politischen Zwecken, denen eine als spezifisch historisch geltende Erkenntnis zugeführt werden kann oder zugeführt werden sollte.“ Ausschlaggebend ist außerdem, was als Spuren von Informationen gezählt wird, und was nicht. Insbesondere im kolonialen Kontext wurde die mündliche Überlieferung von Geschichte als primitiv und unzuverlässig angesehen und daher vernachlässigt. (6)

Wie kann man nun damit umgehen? Allan Megill fordert dazu auf, klar zu argumentieren, Spekulationen und Hypothesen als solche auszuzeichnen und Kontroversen anzusprechen. (7) Donna Haraway schreibt, es gäbe keinen neutralen, allwissenden „göttlichen Blick“, daher müssten wir die „Standpunktgebundenheit jeder Art von Wissen“ anerkennen und „reflexiv, mehrschichtig und vielstimmig“ argumentieren. (8) Neben des Bezugs auf unterschiedliche Quellen und der Darlegung verschiedener Perspektiven sollte ich also meine Haltung klarstellen und mich als Erzählerin sichtbar machen. 

Die Macht von Bildern und Geschichte(n)

Man könnte an dieser Stelle fragen, warum das alles für mich wichtig ist, zumal ich Illustratorin, nicht Historikerin bin. Weil ich Verantwortung trage, einerseits gegenüber den Betrachtern meiner Plakate, andererseits gegenüber den Menschen, über deren Geschichte ich berichte – beide erwarten eine „korrekte“ Schilderung der Ereignisse. Abgesehen davon besitzen Bilder Macht: In vielerlei Kontext wirken sie meinungsbildend, wecken lebhafte Imaginationen sowie Assoziationen, berühren emotional, stellen Nähe zum Subjekt her und brennen sich ein. Man denke an das Foto des „Napalm girl“ Kim Phúc im Vietnamkrieg, auf das all dies zutrifft, und welches weltweit zu Demonstrationen führte – manche behaupten sogar, dieses Bild wäre der Anfang vom Ende des Krieges gewesen. Bernd Roeck schreibt: Bilder sind außerdem „‚mächtige Kraftzentren in Geschichtsbildern‘, indem sie den Betrachtern Deutungsangebote offerieren.“ (9)

Chimamanda Ngozi Adichie erläutert in ihrem TED-talk „the danger of a single story“, unter anderem die Auswirkungen der Wahl des Anfangs- und Endpunktes der Geschichte: 

„The simplest way to dispossess a people is to tell their story and to start with: ‚secondly‘. Start the story with the arrows of the Native Americans and not with the arrival of the British, and you have an entirely different story. Start the story with the failure of the African state, and not with the colonial creation of the African state, and you have an entirely different story.“

Ähnlich verhält es sich mit dem Endpunkt: Vor Ende der Apartheid dominierte Gewalt, danach menschliche Stärke und (relativer) Frieden das Bild.

Das Recht, Geschichte zu erzählen

Durch mein Praxisthema kam ich zu den Überlegungen: Darf ich als weiße Deutsche die Geschichte Südafrikas erzählen? „Es gibt doch auch amerikanische Historiker, die über Deutschlands Vergangenheit schreiben“, mögen manche argumentieren. Ja, dabei kommen aber viele Deutsche zu Wort. Es gab viele „Spuren“ von den verschiedenen Akteuren (Nazis, Verfolgte, Kriegsgegner, etc.), Bilder, Briefe, Zeitzeugen. Dies ist jedoch nicht immer der Fall. Berichte von Europäern über das sub-saharische Afrika erfolgen häufig einseitig und in paternalistischer Form, es wird von Schicksalen von Menschen berichtet, welche selbst oftmals nicht zu Wort kommen. Adichie räumt ein: „if all I knew about Africa were from popular images, I too would think that Africa was a place of beautiful landscapes, beautiful animals, and incomprehensible people, fighting senseless wars, dying of poverty and AIDS, unable to speak for themselves and waiting to be saved by a kind, white foreigner.“ Die Personen werden so wieder und wieder als Opfer und Fremde stereotypisiert, was ihre Menschlichkeit und positive Seiten der Kultur oft in Vergessenheit geraten lässt. Diese Art von Berichterstattung ist besonders heikel wenn es Regionen betrifft, deren Bevölkerung von jahrhundertelanger physischer und psychologischer Unterdrückung geprägt ist, welche nichts zu sagen hatte, deren politische Stimme bei Wahlen ignoriert wurde und deren eigene Landesgeschichte mit einer Version der Kolonialisten überschrieben wurde. 

Ob ich als Europäerin Aussagen über die Geschichte eines solchen Landes machen darf, bleibt für mich fragwürdig. Ein Argument könnte sein, dass meine emotionale Distanz zu dem Thema eventuell sogar vorteilhaft ist. Letztendlich denke ich, es hängt vom Zielpublikum ab. Wären die Plakate für Schulen in Südafrika gedacht, fände ich es falsch, die Gestaltung dafür zu übernehmen. Da es aber für Schüler in Israel geplant ist, rechtfertige ich es folgendermaßen: Ich vermittle die Geschichte eines mir unbekannten Landes aus der Sicht einer Außenstehenden an Schüler mit demselben Wissensstand zu dem Thema wie dem meinen vor dieser Arbeit. Ich kann mich höchstens vage und mit Fantasie in die Südafrikaner hineinversetzen, aber ich teile die Perspektive der nicht-südafrikanischen Schüler, und kann damit gut auf sie eingehen. Was dabei natürlich nicht fehlen darf ist ein reflektierter und empathischer Umgang mit dem Thema, sowie eine Herangehensweise, die den Stimmen der betroffenen Personen Beachtung schenkt, sei es durch Zitate, Erfahrungsberichte oder durch eine entsprechende Wahl der Informationsquellen.

Meine Gedanken zur Umsetzung dieser Erkenntnisse sind zusammengefasst folgende:

  • Mein Standpunkt ist der einer Deutschen, die noch nie direkt etwas mit Südafrika zu tun hatte, erst ein Jahr nach Mandelas Freilassung aus dem Gefängnis geboren wurde und damit keine Erinnerungen zu den Berichten hat, nicht von Rassismus betroffen ist, und mit Gefühlen von Fassungslosigkeit, Wut, Trauer und Mitgefühl, aber auch Staunen und Bewunderung (wie ich im Folgenden erläutere) über die Vergangenheit dieses Landes lernt

  • Der Anfangs- und Endpunkt sowie der Kontext meiner Geschichte muss bewusst gewählt sein. Ich möchte die moralische Leistung der jahrhundertelang unterdrückten, beraubten und gedemütigten schwarzen und farbigen Bevölkerung und insbesondere Mandelas betonen, welcher nach dem Machtwechsel nicht seinem Verlangen nach Rache folgte, sondern seinen Idealen von Freiheit und Gleichberechtigung. Um die Überwindung dieser emotionalen Barriere zu zeigen, werde ich auch die lange dunkle Zeit vor den Verhandlungen darstellen.

  • Informationen sowie Anmerkungen zu meiner Person und den Auftraggebern sowie eine Nennung der Quellen schaffen Transparenz

  • In der Darstellung der Geschichte sollte ich Kontroversen ansprechen

  • Ich möchte viel mit Zitaten arbeiten, um Zeitzeugen ihre Erlebnisse selber erzählen zu lassen



Quellen:

  1. vgl. http://www.bbc.com/news/world-africa-40420910, gesehen am 10.05.18

  2. vgl. http://www.bbc.co.uk/worldservice/africa/features/storyofafrica/index_section1.shtml, gesehen am 10.05.18

  3. Geschichtsschreibung. Und was sie nicht ist. Paul Veyne. 1990 Frankfurt am Main. S.13 f.

  4. Historical Knowledge, Historical Error. A contemporary guide to practice. Allan Megill. Steven Shepard, Phillip Honenberger. 2007 Chicago; London. S. 54

  5. Die Bedeutung der Form. Erzählstrukturen in der Geschichtsschreibung. Hayden White. 1990  Frankfurt am Main. S. 81f.

  6. http://www.deutschlandfunk.de/geschichte-historiker-entdecken-schriftlose-quellen.1148.de.html?dram:article_id=349909, gesehen am 20.05.18

  7. vgl. Historical Knowledge, Historical Error. A contemporary guide to practice. Allan Megill, Steven Shepard, Phillip Honenberger. 2007 Chicago; London. S.13.

  8. vgl. Kultur. Theorien der Gegenwart. Stephan Moebius, Dirk Quadflieg (Hg.). 2011 Wiesbaden. Karin Harrasser zu Donna Haraway, S. 588ff.

  9. Bilder, die Geschichte schrieben. 1900 bis heute. Gerhard Paul (Hg.). 2011 Göttingen; Oakville. S.13.